Interview mit Dr. Gunther Tiersch

11. November 2021

Interview mit Dr. Gunther Tiersch

Es ist mal wieder viel zu trocken auf den deutschen Äckern. Der Klimawandel macht sich immer stärker in der Landwirtschaft bemerkbar. Besonders die Landwirte aus dem Osten des Landes berichten von Jahresniederschlägen unter 400mm. Auflaufprobleme wegen schlechter Keimung und verminderte photosynthetisch aktive Blattmasse sind die Folge, welche in Ertragsausfällen münden. Ohne Wasser geht es nicht. Einige Wissenschaftler prognostizieren eine globale Ertragsminderung von 45% im Jahr 2025 aufgrund von Trockenheit (Zhang 2011). Das Wetter und die Landwirtschaft gehen Hand in Hand.

Grund genug, um das Thema Klima und Trockenheit genauer zu beleuchten. Wir haben den Meteorologen Dr. Gunther Tiersch interviewt, welcher durch die Wettervorhersagen im Fernsehen bekannt wurde.

Wie verändert sich das Klima weltweit?

Wir erleben derzeit eine Erwärmung, die im Jahrzehnt etwa 0,3 Grad beträgt.  Nach neusten Erkenntnissen wird das Jahr 2020 das drittwärmste seit den ersten Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881. Es ist laut der WMO (World Meteorological Organisation) damit zu rechnen, dass 2024 die weltweite Erwärmung den Grenzwert von 1,5 Grad erreicht, der im Pariser Klimaabkommen angestrebt wurde.

Die bisherige Erwärmung hat bereits zu Veränderungen von bestimmten Luftströmungen geführt, wie der Westwindzone auf der Nordhalbkugel.  Sie wird schwächer, so dass sich häufiger Nord- oder Südströmungen einstellen. Damit verstärken sich Extreme auf der Erde. Dürreperioden breiten sich zeitlich und regional aus. Starkniederschläge treten häufiger auf.

Welchen Einfluss hat das auf die weltweite Landwirtschaft?

Die Landwirtschaft in Mitteleuropa steht vor großen Herausforderungen. Auf der einen Seite zerstört sie die biologische Vielfalt und belastet u. A. das Grundwasser durch den Eintrag von Nitrat durch Düngemittel.

Auf der anderen Seite ist sie bedroht durch anhaltende Trockenheitsperioden, hohe Temperaturen und unregelmäßige Niederschläge.   

Die weltweite Landwirtschaft ist noch größeren Risiken ausgesetzt, und muss sich teilweise auf die Reduzierung der Nutzflächen einstellen. In bisher bereits semi- ariden Gebieten schreitet die Wüstenbildung voran und in wertvollen Schwemmgebieten an Flussmündungen, wie z.B. dem Mekong in Vietnam, spürt man bereits die Erhöhung des Meeresspiegels, was zur Versalzung der Böden führt und damit zu Unfruchtbarkeit.  Zudem machen Überschwemmungen durch Starkniederschläge weltweit ganze Ernten zunichte.

Das Klima in Deutschland
20 Grad im November in Deutschland sind aktuell keine Seltenheit mehr - gibt es noch klar abgegrenzte Jahreszeiten? Wie verändern/verschieben sich die Jahreszeiten?

Jahreszeiten werden sich nicht verschieben, sie bleiben ähnlich abgegrenzt wie vor 30 Jahren.

Aber der Eindruck, dass sich spätsommerliche Witterungsbedingungen bis Ende Oktober/Anfang November einstellen und winterliche Bedingungen häufiger in den Monaten Februar bis April anzutreffen sind, decken sich auch mit den gemessenen Wetterdaten.
Die Winter sind bereits deutlich milder geworden: In den letzten Jahren gab es immer wieder Monate, die bis zu 5 Grad wärmer waren als normal.  Das kann fatale Auswirkungen auf die erwachende Vegetation im März und April haben.    

Gründe dafür sind der normale Austausch von Luftmassen besonders im Frühling. Damit es bei uns zwischen März und Mai wärmer werden kann, strömen kalte Luftmassen über Skandinavien und der Nordsee nach Süden und warme Luft, z.B. vom Mittelmeer, nach Norden. Das ist für eine schnelle Erwärmung der Nordhalbkugel für den Sommer notwendig. Die höherstehende Sonne allein könnte diese schnelle Erwärmung in unseren Breiten nicht hervorrufen. Aber auch in den nächsten Jahrzehnten wird es in der Arktis im Winter immer noch sehr kalt werden. So wird auch weiterhin kalte, frostige Luft zu uns kommen. Das bedeutet, dass Spätfröste eine Bedrohung für die Landwirtschaft bleiben.

Dieses Problem wird sich sogar noch verschärfen:

In einem milden Winter können die Pflanzen bereits im Februar und März stark austreiben und die Gefahr, dass die Triebe bei Spätfrösten erfrieren, erhöht sich enorm.  Nach einem kalten Winter sind die Pflanzen noch nicht ausgetrieben und deshalb bei Spätfrösten besser geschützt.

Unsere Klimazone: gemäßigte Zone auch in der Zukunft?
Gemäßigte Klimazone bedeutet, dass Temperaturschwankungen über das Jahr nicht sehr hoch sind und die Höhe des Niederschlags die Höhe der Verdunstung übertrifft.

Die Durchschnittstemperatur beträgt in Deutschland im Januar etwa 0° C und im Juli etwa 17° C.   Die Niederschläge sind gleichmäßig über das Jahr verteilt (etwa 55 mm im Monat).   Beide Einflussgrößen verändern sich bereits.

Die Niederschläge nehmen im Winterhalbjahr zu und im Sommerhalbjahr ab. 

Damit gleitet die gemäßigte Klimazone sehr langsam gebietsweise in eine subtropische Klimazone hinein, wobei allerdings die Gefahr von Frösten weiterhin wesentlich höher bleibt, als in einer subtropischen Zone wie z.B. am Mittelmeer.

Wie verändert sich unser Klima in Deutschland in den nächsten 10 bis 20 Jahren?
Es ist zu erwarten, dass die monatlichen und jährlichen Durchschnittstemperaturen weiter steigen. Bisher beträgt diese Zunahme in Deutschland etwa 2° C in den letzten 140 Jahren. Diese Zunahme ist höher als die Klimamodelle das vorhergesagt haben. Eine weitere Beschleunigung der Erwärmung wäre aber fatal für unsere natürliche Umwelt, die sich nicht so schnell anpassen kann und auch die Verfügbarkeit von Wasser wäre in langen Trockenperioden eingeschränkt.

Eine mögliche Anpassung bestände darin, große Wasserreservoirs anzulegen, im Winter durch die Niederschläge befüllen zulassen und im Sommer zur Bewässerung nutzen.   

Gibt es dann Regionen, die besonders von Trockenheit betroffen sind?

 Es gibt Regionen in Deutschland, die bei anhaltender Trockenheit in den letzten Jahren bereits gewisse Ernteeinbußen erlitten haben.  Besonders in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Rheinhessen in Rheinland-Pfalz war zeitweise die Wasserverfügbarkeit für Pflanzen stark eingeschränkt.

Es herrschte und es herrscht immer noch eine ungewöhnliche und extreme Dürre bis in Bodenhorizonten von 180 cm.  Das Wasserangebot bis in 30 cm Bodentiefe hat sich in den letzten Monaten wieder verbessert. Der Unterboden ist jedoch in fast ganz Deutschland noch viel zu trocken.
Besonders in Gebieten, wie im Lee des Harzes, an der Saale, verringern sich die Niederschläge weiter. Auch im Südwesten Deutschlands in Teilen Rheinland-Pfalz wird sich das Risiko von Trockenperioden verstärken. Da sich jedoch in ganz Deutschland die sommerlichen Niederschläge verringern werden, betrifft das besonders Lagen, die auf der  Südostseite von Bergen liegen: hinter dem Rothaargebirge, dem Rheingau und Taunus, Harz, Thüringer Wald, Hunsrück und Schwarzwald. 

Nehmen die Niederschläge ab oder sind sie anders verteilt?

 Wie bereits erwähnt erhöhen sich die Niederschläge im Winter und verringern sich im Sommer. Es wird erwartet, dass sich die jährliche Niederschlagsmenge jedoch nur wenig ändert.
Die höheren Temperaturen führen jedoch zu einer höheren Evapotranspiration, der Verdunstung von Pflanzen und Böden. So verringern sich nicht nur die Niederschläge im Sommer, auch die klimatische Wasserbilanz wird negativ und es fehlt den Böden zukünftig allein durch die höhere Verdunstung zwischen 50 und 150 mm Wasser in Deutschland.
Andererseits wird die Bodenbearbeitung im Frühjahr durch die höheren Niederschläge im Winter erschwert, da die Böden im Frühjahr noch nass sind. Ein Phänomen, das bereits seit einigen Jahren auftritt.

Inwiefern kann vom aktuellen Wetter auf das Klima in der Zukunft geschlossen werden? Wie wahrscheinlich ist das Eintreffen von jetzt getätigten Aussagen über das Wetter in den nächsten Jahrzehnten? Wie weit ist die Forschung?   

Das Wetter lässt sich nicht über Jahre oder Jahrzehnte vorhersagen. Die Klimaforschung kann sich jedoch auf die Klimamodelle bisher sehr gut verlassen. Sie offenbaren uns Daten, die Durchschnittswerte von Temperatur oder Niederschlag angeben. Inzwischen ist das auch regional möglich. Damit stellt man dann Übereinstimmungen zwischen den Vorhersagen der Klimamodelle und den veränderten Auswirkungen bestimmter Wetterlagen fest. Das, was wir in den letzten Jahren an extremen Wettererscheinungen erlebt haben, wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten 10 oder auch 20 Jahren fortsetzen.

Aber wir wissen nicht, ob sich diese Tendenzen auch danach noch fortschreiben lassen. Es gibt viele Ungewissheiten. Wir wissen nicht wie sich unser Klimasystem bei einem so starken Eingriff des Menschen in Zukunft verhalten wird. Unklar sind Änderungen im Strömungsverhalten des Golfstromes und Auswirkungen des Abtauens des Permafrostes in den Böden Sibiriens und Alaskas und damit die Freisetzung des Treibhausgases Methan. Aber auch   das Abtauen des Grönlandeises und die schwindende Stabilität des antarktischen Eisschildes können weitere Bedrohungen, wie den beschleunigten Anstieg des Meeresspiegels hervorrufen.

2018 zu nass, 2019 zu trocken- Landwirte hatten in den letzten Jahren mit extremen Bedingungen zu kämpfen. Nehmen extreme Wetterereignisse zu und auf welche müssen sich Landwirte in Deutschland besonders einstellen?

Was wir derzeit im jährlichen Witterungsablauf erleben sind extreme, die sich in den letzten Jahren gehäuft haben. Ereignisse die alle 100 Jahre vorkommen sollten, sind jetzt alle 10 oder 20 Jahre zu beobachten. Regionale Starkniederschläge mit 100 mm und mehr in 1 Stunde werden sogar noch öfter registriert.

Die letzten drei trockenen Jahre brachten Trockenperioden von bis zu 5 Monaten. Wir werden weiter mit diesen Extremen rechnen müssen. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich die nächsten Jahre mit den gleichen Witterungserscheinungen wie 2018, 2019 und 2020 fortsetzen werden. Die normalen Schwankungen des Klimasystems machen zwischendurch auch wieder feuchtere Sommer wahrscheinlich.

Wie müssen die Kulturen beschaffen sein, die in 10, 50 oder 100 Jahren auf den Äckern stehen?

Die Landwirtschaft muss sich in den nächsten Jahren mehr um die Böden kümmern. Sie sind langfristig das Wichtigste für eine gute Ernte. Es sollte gelingen den Humusanteil im Boden zu erhöhen und damit mehr CO2 aus der Atmosphäre zu binden. Die Wasserverfügbarkeit der Pflanzen muss erhöht werden, damit Trockenperioden besser überstanden werden.    

Nutzpflanzenanbau in den nächsten Jahrzehnten wird Pflanzen bevorzugen, die trockenresistenter sind, blattstabil und tolerant gegenüber starker Sonneneinstrahlung.  Durch Verlängerung der Vegetationsperiode von 2 bis 3 Wochen können mehr wärmeliebende Nutzpflanzen angebaut werden. Dabei gewinnen auch Bewässerungssysteme immer mehr an Bedeutung.

Letztendlich ist der Landwirt aber auch darauf angewiesen gewisse Risiken einzugehen und es auch mal mit neuen Kulturen zu versuchen.

Was jedoch in 50 oder 100 Jahren angebaut werden wird, lässt nicht sagen. In der Landwirtschaft ist es anders als in der Fortwirtschaft. Die muss sich heute entscheiden, welche Bäume noch in 50 oder 100 Jahren an einem Standort wachsen können. Das ist eine viel schwierigere Entscheidung.

Der Landwirt kann sich schnell wieder anders entscheiden, wenn einzelne Kulturen wenig Erfolg versprechen. Aber er braucht, wie bereits erwähnt, erfolgsversprechende Alternativen, um sein Nutzpflanzensortiment jederzeit austauschen zu können. 

Die wissenschaftliche Forschung aber auch der sich ändernde zukünftige Nahrungskonsum der Bevölkerung müssen dabei Orientierung und Hilfe geben.

Wie beeinflusst das Klima die Landwirtschaft in der Zukunft? Können wir in 100 Jahren noch Ackerbau in Deutschland aufgrund des Klimas betreiben?

Die klimatischen Veränderungen in Mitteleuropa in den nächsten 100 Jahren sind durch die Klimamodelle klar abgesteckt:  Bis 2100 wird die Temperatur in Mitteleuropa um bis zu 4 Grad im Jahresdurchschnitt ansteigen. Die Auswirkungen sind jedoch schwer abzuschätzen. Alles hängt vom Verhältnis Temperatur / Niederschlag ab. In Mitteleuropa werden wir uns den veränderten Witterungsbedingungen mit hoher Wahrscheinlichkeit gut anpassen können.

Es ist nicht zu erwarten, dass Deutschland zu einer Wüste wird oder durch den Meeresspiegelanstieg völlig überschwemmt wird. Auch in 100 Jahren wird noch Landwirtschaft betrieben und der Nutzpflanzenanbau und die Tierhaltung dem Landwirt ein finanzielles Auskommen geben. 
Gunther Tiersch im Dezember 2020